Die letzten Beiträge hier zeigen, dass es im Donaldismus noch keine vernünftige Medientheorie gibt. Wir betrachten Barks und Fuchs zwar als Medien, wissen jedoch nicht, warum sie Medien sind. Der schon erwähnte Beitrag von Gangolf in DD 109, aber ebenso der nicht weniger relevante Beitrag von Christian Wessely in DD 150 haben sich schon grundlegende Gedanken dazu gemacht, was denn als Quelle dienen kann, aber ich bin der Überzeugung, das geht unter Rückgriff auf eine zu entwickelnde Medientheorie noch besser (zumal beide Beiträge in meinen Augen Schwachstellen haben).
Was nun folgt, sind vorrangig meine Auffassungen, wie so eine Medientheorie aussehen könnte, und als solche sind sie mit größter Wahrscheinlichkeit nicht konsensfähig. Das ist mir aber jetzt erst einmal völlig egal.
Zur Sache: Zunächst sollten wir drei Ebenen der Überlieferung strikt voneinander unterscheiden, wie es auch Wessely schon gemacht hat. Es gibt eine Überlieferung des Handlungsverlaufs (vulgo Story), eine Überlieferung des Bilds und eine Überlieferung des (gesprochenen und geschriebenen) Worts. Diese Ebenen wurden in der Vergangenheit mitunter miteinander vermischt, was durchaus problematische Folgen haben kann. Barks und Fuchs sind beide nur imperfekte Medien insofern, dass keiner/keine uns alles auf einmal überliefert. Von Barks erhalten wir eine perfekte Überlieferung des Handlungsverlaufs und eine gestochen scharfe Überlieferung des Bilds (abgesehen von einer leichten Unschärfe ist es fast so, als hätte er die Vorgänge im Anaversum mutgefilmt). Für die Worte aber benötigen wir Fuchs. Die aus dem Anaversum übermittelten optischen Reize waren, wie man es auch aus unserem Universum kennt, stärker als die akustischen, sodass Barks letztere nicht mitprotokollieren konnte. Zudem hat er die Sprache der Anatiden (Deutsch) nicht beherrscht. Erst durch die Überlieferung des Mediums Fuchs erhalten wir den vollständigen Bericht.
Nun gibt es allerdings Sonderfälle, bei denen eine der obrigen Dimensionen ausfällt. Es gibt Berichte, bei denen Barks nur den Handlungsverlauf in Skizzen überliefert hat, die dann aber von anderen Künstlern zu Ende gezeichnet wurden. Solange diese Berichte auch einen Fuchstext haben und wir Handlung und Wort somit als korrekt überliefert bezeichnen können, meine ich, sollte es möglich sein, mit diesen Berichten zu arbeiten. Freilich darf das Bild nicht beachtet werden und keine Relevanz in der Forschung haben, zumindest in all jenen Aspekten nicht, in denen es klar von Barks' skizziertem Handlungsskript abweicht. Diese meine Meinung schlussfolgert aus dem hypothetischen Gedankenspiel, dass Barks theoretisch "Der Erbe des Dschingis Khan" auch selbst zu hätte zeichnen können, wenn er nicht just zu der Zeit, als er den aus dem Anaversum überlieferten Handlungsverlauf niederschrieb, die Erlaubnis bekam, in Pension gehen zu dürfen. Hätte Barks aber "Der Erbe des Dschingis Khan" zu Ende gezeichnet, würde bei niemandem mehr ein Zweifel aufkommen, dass die Geschichte ein echter, kanonischer Bericht ist. Einige Forscher haben diese Berichte auch zurecht inkludiert.
Es gibt aber auch Berichte, in der das Bild von Barks stammt, er aber nicht die Story geliefert hat. Das betrifft unter anderem alle Geschichten mit Oma und Daisy. In diesen Fällen ist es schwierig, das als tatsächliche Vorgänge im Anaversum zu werten. Denn dann müssten wir auch Vic Lockman als Überlieferer des Handlungsverlaufs der Oma-Geschichten und Bob Gregory für die Daisy-Stories Medienqualität zusprechen. Ferner müssten wir davon ausgehen, dass es im Anaversum tatsächlich solch zweifelhafte Figuren wie Dumbo oder den großen bösen Wolf gibt. Zweitens gibt es Berichte, in denen die Redaktion von Western Publishing so fest rumgepfuscht hat, dass zumindest Teile des Berichts keine Vorgänge im Anaversum mehr darstellen, sondern pure Fiktion sind. Hierzu zählen etwa Mack und Muck in "Natürliche Energiequellen" und der ominöse Otto in "Dem Ingeniör ist nichts zu schwör". Hätte Barks den Handlungsverlauf im Anaversum korrekt darstellen können, hätte er stattdessen Donald und Tick, Trick und Track gezeichnet. Allein, er durfte nicht. Auch der Waldgeist Wuwelack in "Der goldene Weihnachtsbaum" ist erst durch unliebsame Einmischung der Redaktion entstanden und kein Wunder war Barks deswegen schwer sauer. In (meinem) Entenhausen gibt es keinen Waldgeist Wuwelack!
Das hier Gesagte ist durchaus problematisch insofern, als Forschungsartikel bereits z. T. ausführlich von den Daisy-Oma-Geschichten Geberauch gemacht haben. Viola hat einst gar ein ganzes Theoriegebäude auf dem kleinen Manfred errichtet. Um mich in Selbstkritik zu üben: Auch ich habe schon diese Geschichten verwendet. Doch folgen daraus gewichtige Probleme für die Medientheorie, weil dann eben auch Lockman für den kleinen Manfred als Medium anerkannt werden müsste, der Ereignisse im Anaversum genau erkannt und protokolliert hat.
Zu guter Letzt gibt es Geschichten, für die höchstens noch Barks-Skizzen, aber gar kein Fuchstext mehr existieren und bei denen höchst unwahrscheinlich ist, dass wir sie als Berichte werten dürfen. Denn sonst hätte uns Medium Fuchs auch die Worte übermitteln müssen.
Der geschätzte paTrick Martin hat uns bereits eine Möglichkeit offenbart, wie Barks und Fuchs vom Anaversum erfahren haben können: durch den Austausch von Barksonen zwischen Ana- und Anthropoversum. Wenn man dem folgt, ergibt sich die Möglichkeit, Barks und Fuchs als Medien zu definieren, weil sie mehr als eine bestimmte Anzahl von Barksonen empfangen haben, die ich als untere Grenzschwelle festlegen möchte, ab der wir von einem Medium sprechen dürfen. Dies ermöglicht zugleich, auch geringere Barksonenflüsse für denkbar halten zu können. In solchen Fällen haben Betreffende vielleicht winzige, sehr verschwommene Ausschnitte wahrgenommen. Ich persönlich sehe solch eine Annahme für notwendig, da Barks nicht der Erste war, der uns Eindrücke aus dem Anaversum übermittelt. Immerhin wurden etliche Bewohner des Anaversums wie etwa Oma Duck das erste Mal von Al Taliaferro gezeichnet. Taliaferro muss folglich gewusst haben, dass es im Anaversum eine Oma Duck gibt. Dies heißt nicht, dass er ein Medium ist. Taliaferro überliefert uns weder Handlungsverläufe noch Bilder und schon gar keine korrekten Worte. Aber einen sehr vagen Eindruck von den Geschehnissen im Anaversum hatte er. Ebenso erscheint es mir geradezu unmöglich, dass die Mitarbeiter der Disney-Studios, die für ihre Zeichentrickfilme eine Ente im Matrosenanzug erschaffen haben, diese Donald Duck nannten und zudem eine durchaus hervorstechende Charaktereigenschaft des uns gut bekannten Bewohners des Anaversums bereits erkannt haben, nicht einen flüchtigen, verschwommenen Eindruck des wichtigsten Anatiden durch Vermittlung einer winzigen Anzahl an Barksonen erhalten haben.
Hier würde es sich nun fügen, auf die Biographie von Barks einzugehen. Denn ich meine, dass man dadurch sehen kann, warum Barks zum Medium wurde: Er brachte alle notwendigen Voraussetzungen mit, um das Leben der Anatiden und besonders Donalds in allen Details erkennen und uns wiedergeben zu können und durch die jahrelange Arbeit in den Disney-Studios war er schon kognitiv dazu veranlagt, alle Donald betreffenden Vorkommnisse genau zu erfassen.
Ich möchte zum Abschluss noch kurz auf Scarpa zu sprechen kommen, weil er hier bereits erwähnt wurde (und um mich endgültig unbeliebt zu machen). Ich gehöre zur kleinen Minderzahl an Donaldisten, die Scarpa schätzt, stehe damit aber immerhin nicht alleine auf weiter Flur. Bei Scarpa fällt der Unterschied der Übertragung von Handlung und Bild im Frühwerk besonders auf. Gangolf hat schon bemerkt, dass im "Fliegenden Schotten" Donald und Dagobert vielfach nicht so aussehen wie die Bewohner des Anaversums. Aber in der Handlung bemerkt auch Gangolf, dass einiges da ist, was man donaldistisch erforschen könnte. Würde man Scarpa also die korrekte Übermittlung von Handlungsverläufen, wenn auch nicht die von Bildern zuschreiben können? Natürlich nicht. Scarpa ist für uns kein Medium. Aber ich möchte doch auf zwei nicht unspannende Facetten hinweisen, weswegen ich persönlich davon ausgehe, dass Scarpa einige Barksonen abbekommen hat. Scarpa hat den "Fliegenden Schotten" 1957 geschaffen, Barks den "Fliegenden Holländer" nur ein paar Monate später im April 1958 gezeichnet. Die Knappheit dieser beiden Geschichten lässt die Annahme zu, dass Scarpa mit einer geringen Anzahl an Barksonen einen Eindruck vom selben Ereignis im Anaversum erhalten hat, das Barks uns in voller Schärfe und Genauigkeit überliefert hat. Scarpa sah womöglich nur die fünf Ducks im Meer und auf der Suche nach einem fliegenden Schiff. Den Rest hat er dann kreativ dazuerfunden. Zweitens hat Scarpa 1961 die Geschichte "Der Koloss von Abu Simbel" gezeichnet. Dér Plot der Geschichte hat große Ähnlichkeiten zu einigen Notizern von Barks, auf denen er eine Geschichte notiert hat, die er nicht ausgeführt hat, weil sie ihm zu politisch erschien (siehe https://www.cbarks.dk/thescrappedproject.htm). Falls diese Notizen von Barks auf einen Barksonenfluss und damit auf reale Ereignisse im Anaversum zurückzuführen sein würden und wir damit aufgrund des Verlags und seiner Richtlinien keinen Assuan-Staudamm-Bericht erhalten haben, in dem Fall wäre Scarpa wieder derjenige, der mit gewisser, natürlich sehr bruchstückhafter Ahnung Vorgänge im Anaversum aufgezeichnet hat. (Auch das bedeutet natürlich nicht, dass Scarpa ein Medium ist und wir mit ihm arbeiten sollten.)